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Robert (Berlin):

Im Rückblick auf die Woche im Nordosten Polens fällt mir zunächst blauer Himmel ein – subjektiv war es für mich eine der schönsten Wochen des Jahres, objektiv sicherlich eine der wärmsten. Dazu kommen Erinnerungen an gemeinsame Abende am Feuer, an das Singen von Kinder- und Volksliedern, das bei einem Bierchen Kommunikationsprobleme aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse schnell vergessen läßt. Daß Reisen und die Begegnung mit Menschen Freude machen können, hat sich einmal mehr gezeigt. Doch Reisen bildet ja angeblich auch. Was habe ich also durch dieses Seminar gelernt?

Wenn es darum ging, Methoden des historischen Arbeitens in der Praxis zu erproben, war es ungeheuer spannend, zu erfahren, was für eine ergiebige Quelle beispielsweise ein Friedhof sein kann. Das Recycling eines jüdischen Grabsteins zu einem christlichen in einem Ort, der ansonsten kaum noch Spuren der noch vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert dort ansässigen jüdischen Gemeinde aufweist, scheint mehr zu erzählen, als es mancher wissenschaftliche Aufsatz kann.

Überhaupt sind es oft Kleinigkeiten, die am tiefsten Blicken lassen, auch wenn es um Kultur und Identität geht. Etwa dann, wenn die Vertreterinnen einer weißrussichen Jugendgruppe auf die Bitte nach einem weißrussischen Lied, das wir singen können, einen Vers aufschreiben, den die hinzugekommene Doktorandin als ukrainisch identifiziert.

Fehlgeschlagene Projekte sind auf ihre Art aufschlußreich. Wie in dem Ort, der Touristen vorzügliches tatarisches Essen anbieten kann, in dem sich allerdings keine vier tatarischen Zeitzeugen des 2. Weltkriegs finden lassen, die bereit sind, mit uns zu sprechen. In einem Ort mit weißrussischer und polnischer, orthodoxer und katholischer Bevölkerung finden wir dagegen einen freundlichen, alten Herren, der kein bißchen erstaunt darüber erstaunt ist, daß wir zur Mittagszeit bei ihm anklopfen, und uns seine Geschichte erzählt, wie er sie vorher vielleicht schon einem dutzend Studentengruppen erzählt hat. Nur über das Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen weiß er auch auf wiederholtes Nachfragen nichts zu berichten. Natürlich gab es Schlägereien. In der Disco. Wie es eben nun mal Schlägereien in Discos gibt. Aber das hatte nichts mit katholisch oder orthodox zu tun.

Viele kleine Details konnten das Bild von einer Region, daß sich im Laufe eines Semesters zunächst durch Lektüre von Texten entwickelte, ergänzen, korrigieren, abrunden – oder auch neue Fragen aufwerfen. Für mich sind es diese Details, die das Reisen als Mittel des Erkenntnisgewinns rechtfertigen. Gleichzeitig ist das Fazit paradox: während die Beschäftigung mit wissenschaftlichen Methoden den Anlaß für unsere Aktivitäten lieferte, sind viele der interessantesten Erkenntnisse von einer Natur, die quer zu dem systematisierenden und ordnenden Anspruch, den Wissenschaft haben muß, zu stehen scheinen.

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