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Grit (Berlin): Auf der Spurensuche der Multiethnizität in Kruszyniany und Krynki

Podlasie. Ostpolen, das letzte Dorf vor der weißrussichen Grenze. Eine verstreute Gruppe deutscher und polnischer Studenten begibt sich auf multiethnische Spurensuche. Hier in einem gottverlassenen Dorf, durch das eine schlecht asphaltierte Straße führt, die unter der schweren Last der weißrussischen Gastransporter ächzt, gibt es außer den verstreuten Holzhäusern, die sich am Rande der Straße befinden, nichts. Ringsherum nur Urwald und irgendwo weiter draußen Weißrussland. Einem Städter mag hier schon Angst und Bange werden. Die Studenten begeben sich von Haus zu Haus und erbeten um Eintritt. Ihnen wurden zuvor Namen einiger älterer Menschen gegeben, bei denen es sich tatsächlich um Nachfahren der seit dem 17. Jahrhundert in Podlasie angesiedelten Tataren handeln soll. Vergebens bemühen bemüht man sich um Einlaß. Bei einigen Großmütterchen, die am Straßenrande sitzen, wird Auskunft erbeten. Sie tragen Schürzen, Kopftücher, Wollstrümpfe und Pantinen. Ihre Gesichter zeugen von einem langen harten Leben. Zunächst beäugen sie die Gruppe mißtraurisch, geben dann aber freimütig Auskunft. Die hart erprobten Übersetzer haben Probleme ihre Mundart zu verstehen. Das Polnisch, das sie sprechen, klingt "weichgespült" - wie einige Polen behaupten; es mischt sich mit der weißrussischen Sprache. Nun erfahren sie, dass erst gestern Pfadfinder hier waren und jene Leute interviewten, die eigentlich für sie bestimmt waren.

Neben den reichtragenden Apfelbäumen und den bunt verzierten Gärten hat das Dorf, das einen für deutsche Muttersprachler (Kruszyniany) unaussprechliche Namen trägt, doch einige Attraktionen zu bieten. Eine grünangestrichene Moschee, die sich hinter einer Baumgruppe nahe der Hauptstraße befindet. Es handelt sich um ein Holzmoschee, die aus dem 18. Jahrhundert stammt und die übrigens von Juden erbaut wurde. Kruszyninany befindet sich in der Wojewodschaft Podlasie, was auf deutsch soviel wie Land nah des Waldes bedeutet. Für einige vermeintliche Westpolen steht Podlasie für einen unterentwickelten und ländlichen Teil Polens: "Polska B". Tatsächlich hat die Region einige Naturparks wie z. B. den Bia³owie¿a Park zu bieten. Darüber hinaus erstreckt sich bereits hier der Einfluß der orthodoxen Kirche aus. Neben der orthodoxen Kirche hat Podlasie auch anderes zu bieten: Jahrhundertelange lebte hier eine beträchtliche jüdische Gemeinde, doch dazu jedoch später.

Zurück an die weißrussiche Grenze: Frustriert begibt sich die Studentengruppe zurück zum vereinbarten Treffpunkt. Nein, niemand wollte mit uns sprechen und ja, wir haben uns tatsächlich bemüht, waren jedoch nahe daran, Hausfriedensbruch zu begehen. Hinter den weißgestärkten Gardinen war kein Mensch zu erkennen und auf unser Klingeln antwortete niemand.

Einfacher zugänglich präsentierte sich der muslimische Friedhof, der gleich hinter der Moschee angesiedelt ist. Ein großes schweres grünes Eisentor kündete dem Besucher auf polnisch und arabisch an, dass es sich um den muslimischem Friedhof handele. Der linke Torflügel ist leicht geöffnet. Hinter ihm erstrecken sich Nadelbäume, die den linken Teil des Friedhofs in Schatten tauchen. Der ältere Teil des Friedhofes, der sich auf jener Hälfte befand, wirkte eher vernachlässigt. Verfallene und von Gras und Moos überwachsene Grabplatten präsentierten sich hier dem Betrachter. Auffällig waren dabei einige Inschriften, die auf kyrillisch eingemeißelt wurden und somit anscheinend Zeugnis von der sowjetischen Besatzung ablegen.

Umso weiter man sich vorwagt, umso älter, verwahrloster und geheimnisvoller wirken die Grabplatten. Dem gegenüber kontrastiert der rechte, neuere Teil des Friedhofs, der mit seinen glänzenden Grabplatten im Sonnenlicht scheint. Und spätestens hier muß der Betrachter stutzen. Graue Halbmonde mit goldenen Innschriften bieten sich dem Betrachter. Dazu die arabisch und polnisch klingenden Namen auf einer Grabplatte, die oft mit lateinischen und arabischen Buchstaben in den Stein geschlagen wurden. Bei näherer Betrachtung hat sich sogar herausgestellt, dass das arabische Alphabet von den Tataren modifiziert und um einige zusätzliche Zeichen erweitert wurde, die wiederum die Wiedergabe der charakteristischen polnischen Zischlaute ermöglichen.

Später beim Essen in der Tartar Yurt, in der babka ziemniaczana (Kartoffelkuchen) serviert wurde, wurde deutlich, wie auch hier die Kommerzialisierung des Tourismus vorangeschritten war. Die Betreiber hatten nicht nur eigens typisch tatarisches Essen anzubieten, sondern auch Zelte, die allerlei Volkstümliches mit Federn bereithielten. Nach dem Essen lud die Betreiberin vorzüglich die weiblichen Teilnehmer ein, die selbstgemachten Handtaschen zu betrachten. Sie fühlten sich sicher gelinkt, da sie in die Häuser der tatarischen Nachfahren kein Einlaß fanden, aber die Betreiberin der Tatar Yurt von der Besonderheit der tatarischen Minderheit und dem Geldbeutel der Besucherinnen profitieren sollten.

Ein weiterer Weg führt durch erneut durch weite Steppen und Wälder. Die "Straßen" sind schlecht; eigentlich handelt es sich auch nicht um Straßen. Eine eher wahllose Anschüttung von Sand und Kieselsteinen entlang des Waldrandes. Alle Teilnehmer der Studentengruppe müssen darum ringen, den Mageninhalt zu behalten, da trotz der 30 km/h ein Ruckeln und Schütteln nicht zu vermeiden ist. Das Ziel ist der jüdische Friedhof von Krynki. Juden siedelten sich hier bereits im 17. Jahrhundert an. Im 18. und 19. Jahrhundert war Krynki die orthodoxeste jüdische Gemeinde der Podlasier Gegend. 1876 machten Juden 85 Prozent der 3336 Mann umfassenden Einwohnerschaft Krynkis aus. Mit 3000 Mazevot verfügt Krynki über den wohl größten jüdischen Friedhof Polens.

Zunächst war es schwierig, überhaupt zu diesem Friedhof zu finden. Die Busfahrer mussten nach dem Weg fragen. Sie parkten neben einem Kohlfeld. Nun galt es, sich einen Weg durch dase Gras zu schlagen. Einige Teilnehmer zweifelten bereits an der Existenz dieses Friedhofes. Hier gab es nur Wald, Büsche und eine Mauer, die es auch noch zu bezwingen galt. Und außer den Spuren einiger verkokelter Plastikflaschen, die darauf hindeuteten, dass die Dorfjugend sich hier ab und zu aufhielt, schien es nichts zu Interessantes zu geben. Nach einigem Fußmarsch wurden jedoch die ersten Mazevot auf einer kleinen Anhöhe gesichtet. Sie waren klein, von Wind und Wetter geprägt, die hebräischen Inschriften kaum lesbar. Die Natur und der graue Schleier des Vergessens hatte bereits Besitz von ihnen ergriffen. Wagte man sich ein wenig weiter die Anhöhe hinauf, bot sich ein Blick auf den Gemeindefriedhof, der mit seiner Gepflegtheit und den bunten Schnittblumen stark kontrastierte. Die beiden Friedhöfe trennten nur wenige Meter. Hinter ihnen erstreckt sich der Urwald.

In Krynki leben schon lange keine Juden mehr, jedoch ist die Aura, die diesem Gedächtnisort seine Weihe gibt, kaum mit Worten übersetzbar. Friedhöfe sind von Menschenhand und Menschenbewusstsein gebildet; ihre Botschaften sind steinerne Briefe, die einen bestimmten Erinnerungsinhalt an die Nachwelt adressieren. Die vom Hitlerstaat durchgeführte Vernichtung der europäischen Juden hat überall in Europa weiße Flecken auf der Landkarte hinterlassen. Zentren jüdischen Lebens und jüdischer Kultur sind zusammen mit den Menschen vernichtet und ausradiert worden. Auf ein Gedächtnis der Orte ist, - wie sich hierbei herausstellt - ist wenig Verlaß, eher müsste man von einem "Vergessen der Orte" sprechen. Wie sich die Oberfläche sofort wieder schließt, wenn ein Stein ins Wasser gefallen ist, so schließen sich auch an den Orten die Wunden bald wieder; neues Leben und neue Nutzung lassen bald kaum noch die Narben erkennen. Ein Ort - so wird am muslimischen Friedhof in Kruszyniany deutlich - hält Erinnerungen fest, wenn Menschen dafür Sorge tragen. Diese Sorge um Spurensicherung und Markierung von Gedächtnisorten in einer Landschaft des Vergessens hat in Osteuropa seit Beginn der achtziger Jahre verstärkt eingesetzt. Mit dem Ausstreben der überlebenden Opfer muss die Erinnerung an die an ihnen vollzogenen Verbrechen auf andere Weise stabilisiert werden. Zwei Generationen nach Verschleppung und Ermordung der osteuropäischen Juden hat sich diese Region ein eine Gedenklandschaft verwandelt, die von Reisegruppen aus Israel, Amerika und Westeuropa besucht wird.

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